Bild des Monats: Kunstsammlung Heinrich

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Kunstsammlung Jutta und Manfred Heinrich
- eine Stiftung der Stadt Maulbronn

Reinhard Stangl: Paris Bar IV, 2002

Die Paris Bar in Berlin-Charlottenburg war mal ein Treffpunkt für Künstler und Prominenten-Friseure. Für manche, über deren vom Leben zerfurchte Gesichter die Zeit den Mantel des Schweigens gebreitet hat, ist sie auch heute noch Mittelpunkt ihres Nachtlebens. Die Jungen tanzen und feiern eher anderswo. Der bekannteste Paris Bar-Besucher war der Maler Martin Kippenberger. 1997 verstarb der leidenschaftliche Exzentriker an Leberkrebs. Als er noch seinen Stammplatz innehatte tauschte er nach nächtlichem Gelage seine Zeichnungen gegen das lebenslange Recht, in der Paris Bar trinken und essen zu dürfen. Und Michel Würthle, der mittlerweile nicht mehr Besitzer der Paris Bar ist, fing unter solchen Schnapsideen gleich selber an zu zeichnen und zu malen. Reinhard Stangl wählte für die Anlage seines Nachtschwärmer-Panoramas einen Moment des Deliriums in der Erkenntnis, dass Trinken nur dann Spaß macht, wenn man am nächsten Tag keine Reue empfindet. Bedauern, eine gewisse Melancholie und dieses schwindelige Gefühl, das sich zur Übelkeit gesellt, bestimmen Stangls Farbskala. Alles taumelt in der zu späten Einsicht, sein Leben trotz aller Bemühungen nicht wirklich im Griff zu haben. Das ist ein Berliner Expressionismus der klassischen Art. Stangl hat mehrere dieser Katerstimmungsbilder in lodernden Farben gemalt. Es gibt Dutzende von Lokalen in Berlin, die Touristen den Eindruck vermitteln, am Ziel ihrer fehlgeleiteten Wünsche angekommen zu sein. Die Paris Bar gehört dazu. Man hätte ihr bildlich keine bessere Würdigung auftischen können.