Reinhard Stangl und A.R. Penck, Gemeinschaftsbild mit Penck, 1981, Acryl auf Leinen, 130 x 160 cm
Ralf Winkler (1939–2017), der sich selbst A. R. Penck nannte und mit Lust an der Camouflage noch viele weitere Pseudonyme erfand, etwa T. M. (für Tancred Mitchell oder Theodor Marx), Mike Hammer (nach einer Romanfigur von Mickey Spillane), α Y oder Y, war ein Dresdner Unikum der 1970er Jahre, ein kecker Kunstaufrührer und Grenzüberschreiter, der in allen Bereichen des Kreativen wilderte. Er zeichnete und malte, war bildhauerisch interessiert und zugleich Free-Jazz-Musiker, drehte Super-8-Filme, schrieb Gedichte, Essays und theoretische Texte. Seit Mitte der 1950er Jahre war er in diversen subkulturellen Künstlergruppen aktiv und erwarb sich einen legendären Ruf als avantgardistischer Querdenker. Die offizielle DDR-Kunst konnte mit diesem Freigeist nichts anfangen. Am 3. August 1980 strich Penck deshalb die Segel und verabschiedete sich in den Westen. Mit ihm verlor die DDR wohl einen der kompromisslosesten Innovatoren der Kunst der Nachkriegszeit. Im Westen angekommen, lebte er kurzzeitig in Kerpen bei Köln. Im Frühjahr 1981 kreuzte er plötzlich in West-Berlin auf und traf Reinhard Stangl, der ebenfalls 1980 in den Westen gegangen war. Beide kannten sich aus Dresden. Ähnlich gestimmt und den sinnlichen Genüssen des Lebens zugeneigt, verabredeten sie sich zum gemeinsamen Malen in Stangls Atelier in Steglitz, Nähe Schlossstraße. Insgesamt entstanden vier gemeinsame Bilder. Alle höchst unterschiedlich in der kompositorischen Anlage. Für die Fahrt durch die Innenstadt nahmen die Künstler den Linienbus. Das hier in der Ausstellung zu sehende Bild ist eine Art Protokoll dieser Bustour.
Penck fühlte sich, wie Stangl berichtet, in dieser Zeit vom westlichen Kunstbetrieb falsch kategorisiert, außerdem war er über beide Ohren verliebt in die Künstlerin Marian Kiss, die er mit Armen voller Schoko-Präsentkörbe und edlen Bonbonieren zu beeindrucken versuchte.
Mittags tafelten die Herren hoch über der Stadt im „Bierpinsel“, bevor man sich wieder den Verausgabungsthemen „Frauen“ und „Reisen“ zuwandte. Penck setzte abstrakte Akzente, Stangl auf Verbindlichkeit in Farbe und Gestus. Es war ein fruchtbares Miteinander. 1983 zog Penck nach London. Er war ständig auf der Suche.
(Text: Christoph Tannert / Foto: Eric Tschernow)

